Mittwoch, 18. Juni 2008

Die Ökomafia verwaltet in Italien ein kriminelles System


Paris, 18 Juni 2008/hn. Mehr als 18 Milliarden Euro jährlich erwirtschaftet die sogenannte "Ökomafia" mit der illegalen Müllentsorgung in Italien. Während Italiens Wirtschaft stagniert, verzeichnen die Öko-Mafiosi Umsatzzuwächse. 239 Mafia-Clans mischen in diesem illegalen Geschäft mit. Das Geschäft mit der Müllentsorgung ist nach Ansicht von Experten nach dem Drogenschmuggel die wichtigste Einnahmequelle der neapolitanischen Mafia.

"Für uns ist der Müll Gold wert", sagte bereits vor Jahren ein Mafia-Boss. Acht Clans des organisierten Verbrechens verwalten derzeit die illegale Müllentsorgung in der Region Neapel, berichtete die Zeitung "La Republica" vor kurzem. Und die Camorra hat ein großes Interesse daran, dass alles so bleibt wie es ist.

Während die italienische Wirtschaft stagniert, verzeichnet die Öko-Mafia steigende Umsätze. Nach Angaben der Umweltorganisation "Legambiente" erzielten die Umwelt-Kriminellen im letzten Jahr mit rund 18 Milliarden Euro einen Zuwachs von knapp 15 Prozent. Zu den Haupteinnahmequellen der vor allem in Süditalien angesiedelten Clans gehören Giftmülldeponien und illegale Bautätigkeit.

Aus Italien wird illegal Müll nach Tunesien, Pakistan, China und Senegal exportiert und dort entsorgt. In Italien landet wiederum gefährlicher Unrat aus Serbien, Kroatien und Albanien. "Die Ökomafia verwaltet in Italien ein kriminelles System, das sehr flexibel und effizient ist", warnte der Legambiente-Präsident Vittorio Cogliati Dezza. Die Ökomafia beherrsche vor allem die Regionen Kampanien, Kalabrien, Sizilien und Apulien.

Bereits Anfang Dezember vergangenen Jahres waren mehrere Fälle bekannt geworden, bei denen auch deutsche Unternehmen ihren Müll illegal nach Ungarn transportiert und deponiert hatten. Auch hier vermutet die Polizei Ableger der Ökomafia als Hintermänner. Die Geheimdienste hatten bereits vor anderthalb Jahren darauf hingewiesen, dass die Ökomafia – also kriminelle Gruppierungen, die sich an der illegalen Lagerung von umweltgefährdendem Abfall bereichern – auch Ungarn bedrohen könnte“, hieß es in einer Analyse.

Die Camorra, die neapolitanische Variante der Mafia, verdient am sogenannten "Müllnotstand" Milliarden. Die Strohfirmen der Camorra entsorgen den Müll, wenn die städtischen Betriebe es nicht mehr schaffen - zu überteuerten Preisen. Die Mafia braucht dafür illegale Müllhalden. Sie entsorgt für die Industrie auch giftige Abfälle in der freien Natur. Immer wieder werden solche Deponien entdeckt.

Nach Angaben des italienischen Umweltschutzverbands Legambiente gründen mafiaartige Organisationen Phantomgesellschaften, die Ausschreibungen für die Entsorgung der Giftstoffe gewinnen. Ihre Angebote sind bis zu 90 Prozent günstiger als jene der legalen Rivalen. Besonders betroffen sind die südlichen Regionen Sizilien, Kampanien, Apulien und Kalabrien.

Die Camorra hat sich in den letzten 20 Jahren mit Erfolg in das Geschäft mit der Abfallbeseitigung gedrängt. Die Behörden vermuten, dass die Camorra auch hinter den Bürgerprotesten gegen die geplante Einrichtung von Lagerstätten und Verbrennungsanlagen in der Region steckt. Die Bürger Kampaniens verlangen zwar Mülldeponien, aber nicht in ihrer Nähe. Die örtlichen Behörden stehen auf ihrer Seite und blockieren die Einrichtung von Lagerstätten mit allen rechtlichen Möglichkeiten. Damit floriert das Geschäft der Camorra mit ungenehmigten illegalen Mülllagern.

Auf Sizilien kam es letzte Woche zu Engpässen mit der Entsorgung des Unrats. Müllsäcke türmten sich vor allem in Palermo. Die Bevölkerung Siziliens hat bislang aus Angst vor Gesundheitsschäden immer wieder gegen neue Müllhalden protestiert. Die Insel im Mittelmeer wird von mehr als fünf Millionen Menschen bewohnt und ist ebenso dicht besiedelt wie Italien.

Der Sonderbeauftragte der Regierung für den Abfallnotstand sagte, es beginnt nun für die italienische Regierung der Kampf gegen die Abfallkrise von Kampanien. Er kündigte an, in Kürze werde eine weitere Deponie in Sant Arcangelo Trimonte in der Provinz Benevento im Nordosten Kampaniens eröffnet. Der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi hatte die seit über zehn Jahren schwelende Abfallkrise in Neapel und Umgebung nach seiner Wiederwahl zur Chefsache erklärt. Die Mülldeponien sollen künftig wie Militärgebiete behandelt und entsprechend abgesichert werden. Nun hat die italienische Armee zur Bewältigung der Abfallkrise in Neapel eine erste neue Deponie eröffnet bei der der italienische Regierungschef der Ökomafia nochmals den Kampf angesagt hat, bis der Notstand endgültig beseitigt ist.

Berlusconi hatte am Mittwoch versichert, dass bis Juli der gesamte Müll von den Straßen Neapels verschwinden wird. Berlusconi traf die neapolitanischen Lokalbehörden und führte ein langes Gespräch mit dem Polizeichef. Im Mittelpunkt des Treffens standen die Ermittlungen gegen die Ökomafia. Jedoch ist das Problem komplex. Denn in der Region fehlt es schon seit Jahren an Deponien, so dass Kampanien seinen Abfall teilweise für teures Geld zur Verarbeitung nach Deutschland transportiert. Gleichzeitig wehren sich aber die Bürger gegen jeden Versuch von Lokalpolitikern, in der Umgebung neue Anlagen zu bauen, weil sie um ihre Gesundheit fürchten. Mehrere Schulen in der Umgebung wurden bereits auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Die Anwohner wollen aus Angst vor Gestank und giftigen, dioxinhaltigen Gasen eine Mülldeponie um jeden Preis verhindern. Im Kreuzfeuer der Kritik steht die 1994 eigens gegründete Abfallkommission. Eigentlich sollte sie die Müllkrise bekämpfen, jedoch werden ihr seit Jahren Korruption und Unfähigkeit vorgeworfen. "Man kann ja gar nicht mehr von einem "Notstand" sprechen, denn ein Notstand kann per Definition gar nicht so lange dauern", ärgerte sich jetzt auch EU-Umweltkommissar Stavros Dimas. Nun Brüssel prüft weitere Maßnahmen auf EU-Ebene zu ergreifen. Dann würden Italien aber im schlimmsten Fall hohe Strafen sowie der Verlust von EU- Finanzierungsgeldern drohen. Ein Mittel, das bisher in Italien keine Wirkung geziegt hat.